[= Hochschulschriften, Bd. 7], trafo verlag 2005, 157 S., ISBN 3-89626-530-X, 19,80 EUR
Rezension von Annekatrin
Himmelreich für: femina politica. Zeitschrift für feministische
Politik-Wissenschaft, 15 Jg., H. 1/2006, S. 165f.:
„Für Männer ist leichter, ja. Die kommen hier auch schwarz
arbeiten (...) Aber trotzdem, wenn er hierher fährt, dann (...) er verliert
nix, nur ein bisschen Zeit, ja. Und wenn (...) Frau hier ja, die verliert
sich, (...) die verliert sich die Frau" (11). Menschenhandel mit Frauen
zum Zweck der Prostitution gibt es seit der Antike, Doch nirgendwo wächst
er momentan schneller als in Osteuropa. Ein Großteil der ca. 500.000
Frauen, die jährlich nach Westeuropa gehandelt werden, stammt aus dieser
Region.
Obwohl Konsens darüber besteht, dass der Handel mit Frauen zur sexuellen
Ausbeutung eine Menschenrechts Verletzung darstellt, konzentrieren sich
politische Akteurinnen in Deutschland auf die Verhinderung illegaler
Migration. Die Frauen gelten entweder als Mittäterinnen, die aufgrund ihres
illegalen Aufenthaltsstatus strafrechtlich verfolgt werden oder sie werden
als willenlose Opfer betrachtet, denen mit einer Rückführung in das
Herkunftland geholfen werden soll.
Die Sozialwissenschaftlerin Alexandra Geisler hat im Rahmen einer
qualitativen Untersuchung die Erfahrungen von acht gehandelten
osteuropäischen Frauen untersucht. Im Mittelpunkt steht die Frage, „ob
die Frauen primär Opfer sind oder ob sie autonom handelnde
Arbeitsmigrantinnen sind, die aufgrund der äußeren Umstände wie zum
Beispiel der ausländerrechtlichen
Rahmenbedingungen Opfer von Menschenhandel geworden sind" (14). Geisler
zeigt, warum sich Frauen für die Migration entschieden haben, in dem
sie ausführlich die Situation von Frauen in ihren Herkunftsländern
darstellt. Von den Folgen der Transformation wie Arbeitslosigkeit, Verarmung
und dem Verlust sozialer Leistungen sind besonders Frauen betroffen.
Migration ist eine Überlebens Strategie. Die schwierige Lage in den
Herkunftsländern allein hat aber bei keiner der Frauen zum eigenständigen
Versuch der Ausreise geführt. Im Gegensatz zu der in Westeuropa
existierenden Annahme, die Frauen hätten bereits selbst aktiv nach
Unterstützung für die Ausreise gesucht, wurde Migration erst durch das
Angebot der Anwerberinnen in Betracht gezogen.
Die Anwerbung erfolgte meist durch weibliche Bekannte, die den Frauen in der
Regel eine Beschäftigung in der Gastronomie versprachen. In Deutschland
angekommen, wurden verschiedene Formen des Zwangs auf die Frauen ausgeübt,
damit sie in die Prostitution einwilligten. „Durch Betäubungsmittel und
Drogen, das Druckmittel der Schuldenrückzahlung (für die Finanzierung der
Einreise), Schläge, Einsperren, Drohungen gegen die Familie im
Herkunftsland, Wegnahme der Pässe und Verdienste und Wechsel von Ort zu
Ort" (143) wurden die Abhängigkeitsmechanismen bei den Frauen
verfestigt. Die Interviews zeigen, dass es in allen Fällen Momente des
Zwangs und der selbstverantworteten Entscheidung gab. Während anfangs die
Eigeninitiative der Frauen eine große Rolle spielte, wurde sie, sobald das
Zielland erreicht war, drastisch beschnitten. Auf Grundlage dessen plädiert
die Autorin dafür, die Menschenrechtsverletzungen in den Vordergrund zu
stellen und die Frauen als Opfer eines kriminellen Verbrechens anzuerkennen.
Nur dann würden ihnen Rechte und praktische Unterstützung gewährt. Dabei
dürften die Frauen jedoch nicht einseitig als willenlose Opfer wahrgenommen
werden. Geisler unterstreicht, dass der Opferstatus von der eigenen Identität
und den Bedürfnissen der Frauen getrennt werden müsse. Zwar hätten viele
Frauen ursprünglich keinen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland
angestrebt, doch nach dem Ende der Zwangsprostitution sahen sie aufgrund der
Scham über die nicht erreichten Ziele der Migration, der Angst vor einer
Verfolgung durch die Händlerinnen sowie der Sorge um die finanzielle
Absicherung des eigenen Lebens und das ihrer Kinder kaum noch
Zukunftsperspektiven in ihrem Heimatland (98ff.). Eine einseitige
Wahrnehmung der Frauen als Opfer, deren Konsequenz die Abschiebung in die
Herkunftsländer sei, ignoriere, dass für die Frauen meist ein dauerhafter
Aufenthalt in Deutschland die einzige Perspektive darstelle. Regierungen,
Polizei und Nichtregierungsorganisationen wie die International Organisation
on Migration würden zu „entgegengesetzten Händlerinnen", so Geisler.
Der Autorin gelingt es, ihre Einwände hinsichtlich des Umgangs mit
Frauen, die von Menschenhandel und Zwangsprostitution betroffen sind,
überzeugend vorzubringen. Indem sie darstellt, dass es sowohl
Eigeninitiative als auch Zwang gibt, zeigt sie, dass die Wahrnehmung als
Mittäterinnen oder willenlose Opfer eher den Interessen der Regierungen und
der Polizei dient und kaum der tatsächlichen Situation der Frauen gerecht
wird.
Insgesamt ist es sehr begrüßenswert, dass sich Geisler mit dem
bisher wenig erforschten Thema auseinandersetzt und empirisches Material
liefert, das es bislang zu dieser Problematik kaum gibt, auch wenn der im
Methodenkapitel angekündigte Leitfaden für die Interviews im Anhang leider
fehlt.