autobiographischer Roman, [= Autobiographien, Bd. 32], 2008, 259 S., ISBN 978-3-89626-794-8, 14,80 EUR
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Nachdem der junge
Lehrer Teoman unehrenhaft aus dem Militär entlassen wird, ist es um
seine berufliche Zukunft in der Türkei schlecht bestellt. Er wandert
1965 nach Deutschland aus. Wie gelingt es ihm, in dem fremden Land Fuß
zu fassen? Welchen Schwierigkeiten war ein Migrant damals ausgesetzt? |
Leseprobe
Es war schon Mittag, als er
erwachte. Er zog den Vorhang beiseite, sodass ein greller Lichtstrahl in das
Zimmer fiel. Teoman sah zum Fenster hinaus. Vor ihm lag das Dorf, welches im Tal
in ein waldreiches Gebiet eingebettet war. Er öffnete das Fenster. Klare frische
Luft kam ihm entgegen. Das also war sein neues Zuhause. Es würde ihm hier nicht
schwerfallen, Izmir zu vergessen. Die Sonne schien. Teoman war glücklich. Er
drehte sich einmal um sich selbst. Vor Freude hätte er tanzen mögen!
Hicran lud ihn zum Mittagessen ein. Sie hatte ein Spezialgericht gekocht. Es
schmeckte herrlich! „Das Rezept habe ich von den Frauen aus dem Dorf. Übrigens,
was halten Sie davon, wenn wir nach dem Essen ein bisschen hinausgehen? Ich
zeige Ihnen den Garten und das Schulgebäude.“
Der Schulgarten sah ein wenig vernachlässigt aus und Hicran erklärte, dass sie
sich bei dem vielen Unterricht gar nicht um den Garten kümmern konnte. „Das
ändert sich von nun an. Wir werden uns die Arbeit teilen und viel mehr Freizeit
haben!“ Sie führte Teoman in das Schulgebäude. Insgesamt unterrichtete sie
siebenundachtzig Kinder in fünf Klassen und das ohne jede Hilfe. Als der
Unterricht anfing, ging Teoman ins Dorf, um Lebensmittel zu kaufen. Die Leute
musterten ihn skeptisch. Sie wussten zwar, dass er der neue Lehrer war, aber
keiner traute sich, ihn anzusprechen. Teoman grüßte freundlich jeden, der ihm
unterwegs begegnete. Den männlichen Personen gab er die Hand und sprach sie an.
Nach seiner Rückkehr begab er sich in die Küche, um das Abendessen
vorzubereiten, wozu er selbstverständlich seine neue Kollegin einlud. Beim Essen
erzählte sie, dass man am nächsten Tag einen kleinen Empfang für ihn vorbereiten
werde. Herr Bayar und sie hätten die Leute eingeladen, denn sie wollten Teoman
den Dorfbewohnern vorstellen. Schließlich sei es ihr Recht, den Mann, der ihre
Kinder bald unterrichten würde, kennenzulernen.
„Das sehe ich ein, obwohl ich mich ein wenig unbehaglich fühle. Schließlich ist
es meine erste Anstellung als Lehrer.“
„Für die Leute ist es wichtig und auch Sie werden mir hinterher recht geben.
Später werden Sie einmal mit in die einzelnen Familien der Kinder gehen, damit
Sie die Verhältnisse kennenlernen, in denen die Schüler leben. Ich halte das für
wichtig, damit Sie verstehen, warum die Kinder häufig zu spät in den Unterricht
kommen oder warum viele keine Hausaufgaben gemacht haben. Die Kinder befinden
sich in einem Zwiespalt: Auf der einen Seite reden ihnen die Eltern ein, die
Schule sei der größte Unsinn seit Mehmet II. – falls sie den überhaupt kennen –
auf der anderen Seite erklären wir dann immer, wie wichtig dieser Funken
Bildung, den wir vermitteln können, für ihre Zukunft ist. Doch keine Bange, es
gibt auch sehr vernünftige Eltern, die uns tatkräftig unterstützen.“
Teoman hörte Hicran aufmerksam zu. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, wie es
um diese Kinder bestellt war. Die Arbeit auf dem Feld und im Haus, er hatte
diesen Druck ja am eigenen Leibe erfahren.
Am nächsten Morgen war der Schulraum bis auf den letzten Platz gefüllt. Es
schien, als hätten sich nicht nur die Eltern, sondern ganze Familienstämme
aufgemacht, den neuen Lehrer zu begutachten. Bevor sie das Klassenzimmer
betraten, hielt Teoman Hicran am Arm fest.
„Ist alles in Ordnung mit Ihnen, Teoman?“
„Ja, ich wollte Sie fragen, was ich den Leuten sagen soll, denn ich habe mich
überhaupt nicht vorbereitet!“
„Das halte ich in diesem Fall auch für das Beste. Es sind ganz einfache Leute
und sie verstehen einfache klare Worte am besten.“ Sie betraten das
Klassenzimmer. Die Leute klatschten in die Hände. Hicran führte Teoman an den
Tisch, an dem der Dorfvorsteher und seine Helfer Platz genommen hatten. „Das
sind die Herren des Dorfvorstandes: Der Dorfvorsteher Bayar Bey, Hüseyin,
Ramazan und Mahmut Bey.“ Jeder der Männer erhob sich und begrüßte Teoman. Dann
wandte sich Hicran den anderen Leuten zu: „Meine lieben Eltern, ich möchte Ihnen
nun meinen neuen Kollegen Teoman Bey vorstellen.“ Bevor sie den Satz zu Ende
sprechen konnte, applaudierten die Leute eifrig. „Teoman Bey kommt aus Izmir. Er
war bis jetzt bei einer großen Bankgesellschaft beschäftigt. Nachdem ich ihn
kennengelernt habe, kann ich sagen, dass er der richtige Lehrer für unsere
Schule ist. Seine Vorstellungen sind gut und ich glaube, er ist ein Mann, der
seine Ideen in die Tat umsetzt.“ Hicran drehte sich zu Teoman und bat ihn, auch
einige Worte an die Leute zu richten, worauf die Eltern erneut applaudierten.
„Verehrte Kollegin, meine Herren Dorfvorsteher, liebe Eltern. Ich bin sehr
glücklich, unter solch freundlichen Leuten zu sein. Ihnen, meine verehrte
Kollegin, möchte ich für die Worte danken, mit denen Sie mich vorgestellt haben,
und Ihnen allen danke ich für das Vertrauen, das Sie in mich setzen. Ich
verspreche Ihnen, alles zu tun, um der Lehrer zu sein, den Sie sich wünschen. Ab
Montag werde ich mit dem Unterricht beginnen. Ich möchte Sie noch ganz kurz
bitten, meine lieben Eltern, schicken Sie Ihre Kinder regelmäßig in den
Unterricht. Wie mir meine Kollegin sagte, gibt es unter Ihnen noch viele
Analphabeten. Ich möchte für die Dorfbewohner einen Abendlehrgang anbieten,
damit das Dorf, Ihr Dorf, und von nun an auch mein Dorf, in Kürze das klügste
Dorf in der ganzen Umgebung ist. Ich verspreche Ihnen, meine lieben Eltern, es
wird aufschlussreich für Sie, Buchstaben und Zahlen zu erlernen und zu
verstehen. Wir sind nicht nur auf die Welt gekommen, um zu essen und zu
schlafen, sondern um die Welt, deren Bewohner, die Natur und uns selber
kennenzulernen und zu verstehen. Bitte bemühen Sie sich alle, liberale und
fortschrittliche Menschen zu werden. Gott hat uns fünf Sinne gegeben, damit wir
hören, sehen, fühlen, schmecken und riechen können. Diese fünf Sinne müssen wir
arbeiten lassen. Zum Beispiel unsere Augen. Sie sollen nicht nur dazu dienen,
die nächste Umgebung zu sehen, sondern wir können mit ihnen und durch sie lesen,
das erweitert den Blickwinkel. Wir erfahren Dinge, die unser Leben erleichtern.
Nun zu den Ohren: Versuchen wir doch einmal zu hören, was außerhalb unseres
Dorfes geschieht, draußen in der Welt: Wie lebt man in anderen Ländern? Doch
möchte ich Sie jetzt nicht mit einem endlosen Vortrag langweilen, sicher wartet
daheim noch sehr viel Arbeit auf Sie. Lassen wir uns den Wein gut schmecken!“
Die Leute applaudierten wieder und alle erhoben ihr Glas.
Teoman und Hicran nahmen am Tisch des Dorfvorstandes Platz und unterhielten sich
mit den Männern. Es waren einfache, liebe Leute. Selbst Herr Bayar war
Analphabet. Man plauderte noch eine Zeit lang, dann erhoben sich die
Dorfbewohner nach und nach, um zu ihrer Arbeit zurückzukehren. Alle reichten
Teoman die Hand. Als sie gegangen waren, kam Hicran strahlend auf Teoman zu:
„Sie haben den Leuten gefallen. Man war begeistert. Sie glauben gar nicht, wie
wichtig das für uns ist. Ihre Ansprache war genau das Richtige. Vielen Dank!“
...
Teoman flog zum ersten Mal in
seinem Leben. Er hatte Angst und es dauerte eine geraume Zeit, bis er sich
einigermaßen beruhigt hatte. Die Stewardess fragte ihn auf Englisch, welches
Essen er haben wolle. Teoman hatte Schwierigkeiten sie zu verstehen. Er hatte
zwar in der Schule Englisch gelernt und war der Ansicht, es einigermaßen gut
sprechen und verstehen zu können. Es ärgerte ihn, dass er den einfach
formulierten Satz der Stewardess nicht sofort begriff. Nun machte er sich Sorgen
darüber, wie er sich in Deutschland verständlich machen sollte, wo er doch kein
einziges deutsches Wort kannte! In der Schule hatte er gelernt, dass Deutschland
nach dem Zweiten Weltkrieg in zwei politisch relevante Zonen aufgeteilt wurde,
und dass in Westdeutschland, in das er nun flog, nach dem Untergang der
Nazidiktatur ein moderner, föderativer, demokratisch-parlamentarischer und
sozialer Rechtsstaat entstanden ist. Aber er fragte sich, ob es tatsächlich
möglich war, dass sich Menschen, die vor zwanzig Jahren noch einem Diktator
zujubelten, in derart kurzer Zeit ändern können. Außerdem enthielt die
Bezeichnung „sozialer Rechtsstaat“ theoretisch die Verpflichtung über die
institutionellen Sicherungen hinaus, eine Ordnung zu schaffen, die den sozialen
Frieden wahrt und allen ein menschenwürdiges Dasein sichert. Das ist allerdings
Theorie. Denn auch die Türkei bezeichnete sich als sozialer Rechtsstaat. Aber
welche Ungerechtigkeiten dort herrschten, erlebten die Menschen ja jeden Tag
aufs Neue. Über den Volkscharakter der Deutschen hatte Teoman von seinen Lehrern
immer wieder gehört, dass ihm Fleiß und Geschicklichkeit zuzurechnen seien. Nur
durch diese Eigenschaften sei der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Krieg
möglich gewesen. Disziplin und Obrigkeitsdenken gehörten ebenfalls zu den
Eigenschaften der Deutschen.
Je mehr sich Teoman über Deutschland Gedanken machte, desto unsicherer wurde er.
Da er seine Entscheidung aber momentan nicht mehr rückgängig machen konnte,
ergab er sich dem Schicksal.
Die Maschine landete am frühen Abend auf dem Flughafen Düsseldorf. Teoman suchte
in der Menschenansammlung Tayfun, konnte ihn aber nicht finden. In seinem
letzten Brief hatte er Teoman mitgeteilt, dass er ihn am Flughafen abholen
werde. Im Falle einer Verhinderung hatte er ihm den Weg nach Aachen beschrieben.
Teoman war enttäuscht, dass Tayfun nicht da war. Er bat einen Taxifahrer, ihn
zum Bahnhof zu fahren. Der Mann verstand Teoman nicht. Da Tayfun ihm die
wichtigsten Sätze aufgeschrieben hatte, zeigte Teoman ihm den Zettel, auf dem
„Fahren Sie mich bitte zum Hauptbahnhof“ stand. Teoman bemerkte, wie
diszipliniert die Autos fuhren. Kein Hupen wie in der Türkei, keine
Beschimpfungen, keine hektische Kommunikation. Die Straßen waren sauber. Sowohl
in den Hallen am Flughafen als auch in der großen Bahnhofshalle sah Teoman keine
Papier- oder Zigarettenreste. Diesen ersten Eindruck teilt Teoman übrigens mit
vielen Migranten: „Ich habe mich gewundert über die Anlagen, die die Koffer vom
Flugzeug in den Wartesaal transportieren. Es war fantastisch. In der Türkei
wurden die Koffer mit einem Wagen aus dem Flugzeug geholt und im Wartesaal
einfach auf den Boden geworfen. Als ich hinausgehen wollte, ist die Tür
automatisch aufgegangen, sodass ich einen Schreck bekam. Ich habe mir gesagt,
Mensch, kuck mal, was die so alles geleistet haben, die Deutschen, also das ist
schon großartig. Und als ich aus dem Flughafen kam, habe ich die Straßen gesehen
und die Häuser, die waren so sauber, und da habe ich mir gedacht, die Leute
haben recht gehabt, hier ist wirklich ein Paradies“, erzählte ihm ein Türke
Jahre später.
Am Hauptbahnhof in Düsseldorf ging Teoman zum Schalter und zeigte dem Mann
hinter der Scheibe einen anderen Zettel. Darauf stand: „Bitte eine Fahrkarte
nach Aachen.“ Teoman zahlte vier Mark achtzig und fragte den Herrn auf Englisch,
wann und von welchem Gleis der Zug nach Aachen abfahre. Dieser verstand jedoch
kein Englisch, wie die meisten Deutschen damals. Inzwischen hatten sich viele
Leute um Teoman versammelt. Jeder wollte ihm helfen. Aber erst ein jüngerer Mann
konnte ihm die Gleisnummer sagen. Er fuhr mit einem Regionalzug nach Aachen.
Unterwegs schaute er aus dem Fenster. Im Nebenabteil waren acht Soldaten, die
zum Wochenende nach Hause fuhren. Offensichtlich waren sie betrunken. Sie sangen
sehr laut. Die Reisenden fühlten sich von den Soldaten gestört, aber niemand
beschwerte sich. In der Bahnhofshalle in Aachen bemerkte Teoman zwei verwahrlost
aussehende, schlafende Männer mittleren Alters in einer Ecke. Da er derartiges
bisher in der Türkei nicht gesehen hatte, war sein erster Gedanke, dass dieses
Land eigentlich sehr arm sein müsste. So stellte er alles, was er bisher über
Deutschland gehört und gelesen hatte infrage.
„Wie komme ich nun zu Tayfun?“, überlegte Teoman. Eine Fahrt mit dem Bus wäre
sicherlich zu kompliziert gewesen. Also nahm er ein Taxi und zeigte dem Fahrer
die Anschrift. Sie hielten vor einem Hochhaus. Es war ein Studentenwohnheim. Mit
großer Mühe fand Teoman in einer Vielzahl von Namensschildern das von Tayfun und
drückte auf den Klingelknopf. Nachdem er einige Male vergeblich geschellt hatte
– niemand öffnete –, überlegte er, was zu tun sei. Ein afrikanischer Student
half ihm, ein Zimmer in einem in der Nähe gelegenen Hotel zu finden. Zudem
sicherte er ihm zu, Tayfun über seine Ankunft zu informieren. Teoman stand nun
vor diesem kleinen, schäbigen Hotel. Inzwischen regnete es. Es war ein Regen,
der die Straßen glänzen lässt und die Leute verstimmt, ein Regen, der nicht
gerade hoffnungsvoll anmutet, wenn man in ein Land kommt, dessen Sprache man
nicht versteht. Teoman betrat das Hotel. Nach Erledigung aller Formalitäten kam
der Zimmerboy, ein Typ mit abstehenden Ohren, einem breiten, gierigen Lächeln
und gierigen Händen, die nur darauf warteten, ein Trinkgeld zu kassieren, und
zeigte ihm sein Zimmer, das nur wenige Quadratmeter groß und nicht sehr
einladend war. Teoman gab ihm das Trinkgeld und der Junge verschwand. Teoman
legte sich auf das Bett. Er zündete sich eine Zigarette an und schon war sie
wieder da, die Angst vor einer unbekannten Zukunft. Doch die Müdigkeit ließ ihn
alsbald einschlafen.
...
Es war an einem Samstagmorgen,
dem 19. August. Nachdem Teoman eine Dusche genommen hatte, schellte es. Er war
neugierig, wer das sein konnte, denn er erwartete keinen Menschen. Als er die
Tür öffnete, stand Monika mit einem Blumenstrauß und einem großen Paket vor ihm.
Die Überraschung war gelungen! Sie umarmten sich innig. Den Grund ihres Besuches
konnte er immer noch nicht erraten, bis Monika rief: „Liebster, herzlichen
Glückwunsch zum Geburtstag!“ Teoman war in der Tat an diesem Tag geboren,
gefeiert hatte er aber wie viele andere Türken nie. Die meisten Türken wussten
damals nicht einmal, wann sie Geburtstag hatten. Die Pflicht, die Geburt eines
Kindes sofort beim Einwohnermeldeamt anzuzeigen, wurde zwar mit der in Kraft
getretenen Zivilgesetzgebung 1926 eingeführt, doch daran hielten sich nur die
entwickelten Gebiete. In Ostanatolien und in den Mittel,- Süd- und
Schwarzmeerregionen wurden die Kinder bis weit in die Sechzigerjahre erst dann
gemeldet, wenn sie drei oder vier Jahre alt waren. Bei solchen Fällen wurde als
Geburtsdatum in der Regel der 1. Januar eingetragen. Später wurde Teoman an
diese Gepflogenheit erinnert, als er von einem türkischen Satiriker, Sinasi
Dikmen aus Ulm, einen Artikel darüber las. Dieser wurde immer wieder gefragt,
warum er seinen Geburtstag nicht feiere. Jedes Mal gab er unterschiedliche
Antworten. „Ich mag nicht“ oder „Die Geburtstagsfeier ist eine Erfindung der
Konsumgesellschaft!“ Mit diesen Ausreden gaben sich seine deutschen Freunde
natürlich nicht zufrieden. In seinem Reisepass stand nur ein fiktives Datum. Um
seinen tatsächlichen Geburtstag herauszubekommen, fuhr er in sein Dorf in die
Türkei. Zunächst fragte er seine Mutter. Die sagte, dass er an dem Tag geboren
sei, an dem „unser kräftiger Bulle verschwunden ist“. Er versuchte vergeblich
von seiner Mutter die Jahreszeit zu erfahren. Sie schickte ihn zu seiner älteren
Schwester. Als sein Geburtsdatum gab seine Schwester an, dass er an dem Tag
geboren sei, an dem sie seinen Schwager zum ersten Mal getroffen habe. Als er
sich ungeduldig an diesen wandte, konnte er ihm kein Datum nennen. Anschließend
schickte man ihn zu einem politisch engagierten Onkel. Er konnte ihm auch nicht
weiterhelfen, weil an seinem Geburtstag weder in der Türkei noch in der Welt
etwas politisch Bedeutendes geschehen war. Der Dorfälteste war seine letzte
Chance: „Du bist an dem Tag geboren, an dem meine Frau zu mir sagte: ‚Du Alter,
die arme Frau von Sari Ahmet hat wieder eine Geburt, das ist ihr siebtes Kind,
ich muss sie mal besuchen.‘ Dann ist sie zu euch gegangen. Dieses Kind bist du
gewesen.“
Zum ersten Mal in seinem Leben wurde Teoman zu seinem Geburtstag gratuliert,
zudem noch von einem liebenswerten Menschen. Ihm wurde als Kind beigebracht,
dass man ein Geschenk erst dann öffnet, wenn der Gast fort ist. Damit will man
vermeiden, ihn zu kränken, wenn das Geschenk nicht gefällt. Monika wartete
ungeduldig darauf, dass Teoman das Paket öffnete. Als er dazu keine Anstalten
machte, erklärte sie, dass man in Deutschland ein Geschenk in Anwesenheit des
Gastes öffne. Erstaunt erblickte er ein schönes Hemd, eine moderne Taschenuhr
und eine Krawatte. Außerdem bekam er einen Regenschirm. Am Abend lud er die
Breuers und Tante Petra mit Onkel Walter ins Restaurant ein.
Er wurde voll akzeptiert, nicht nur als Freund der Tochter, sondern als Sohn der
Familie. Frau Breuer sprach ihn manchmal mit „mein Junge“ an. Die Eltern boten
ihm an diesem Abend das Du an. Außerdem sollte er Frau Breuer mit „Mutti“
ansprechen, wie Monika und Helga sie nannten. Herrn Breuer sprach er mit seinem
Vornamen Otto an. Er wusste sich bei dieser Familie sehr gut aufgehoben und
fühlte sich zum ersten Mal heimisch in Deutschland. Über die Türkei wollte er
nichts, aber auch gar nichts mehr wissen.
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