Flach, Günter / Fuchs-Kittowski, Klaus (Hg.)

 

Vom atomaren Patt zu einer von Atomwaffen freien Welt. Zum Gedenken an Klaus Fuchs. Gemeinsame Konferenz der Leibniz-Sozietät er Wissenschaften zu Berlin und des Russischen Hauses der Wissenschaften unter Mitwirkung der Deutschen kybernetischen Gesellschaft am 25. und 26. November 2011 im Russischen Haus der Kultur in Berlin

 

2012, [=Abhandlungen der Leibniz-Sozietät, Bd. 32], 287 S., zahlr., Tab. u. Abb., ISBN 978-3-86464-025-4, 39,80 EUR

 

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Inhaltsverzeichnis


Vorwort                                                                 9

KLAUS FUCHS-KITTOWSKI, GÜNTER FLACH   

 

Eröffnung und Begrüßung                                       25                                      

DIETER B. HERRMAN

 

Die erste sowjetische Atombombe und Klaus Fuchs      29

R.I. ILKAEV

 

In Illusory worlds of Andrei Sakharov, Edward Teller, and Klaus Fuchs    39

GENNADY GORELIK

 

Klaus Fuchs: Grandfather of the Hydrogen Bomb           51

MICHAEL S. GOODMAN

 

Erinnerungen an und Nachdenken über Klaus Fuchs       59

D.W. SHIRKOV

 

Klaus Fuchs: the Scottish Years 1937–1941               65

NANCY GREENSPAN

 

Klaus Fuchs im Spiegel der Venona-Dokumente          75

ANJA NIKLES 63

 

Gernot Zippe und die Ultrazentrifuge oder: Ost-West-Technologietransfer im Kalten Krieg      89

FRANK DITTMANN

 

Geheime Anstöße für das sowjetische Atomprojekt            103

RAINER KARLSCH

 

Verantwortung aus Wissen: Antifaschismus, Philosophie und Naturwissenschaft. Frieden als erstes Menschenrecht im Wirken von Klaus Fuchs            117

KLAUS FUCHS-KITTOWSKI

 

Zur Forderung von Klaus Fuchs nach einem dauerhaften Frieden    142

HERBERT HÖRZ

 

Klaus Fuchs in Daniil Granins Roman ‚Flucht nach Russland‘ (1995)    165

ARMIN JÄHNE

 

Wege zur atomwaffenfreien Welt               173

JÜRGEN SCHEFFRAN

 

Otto Hahn und die Erklärungen von Mainau (1955) und Göttingen (1957)     183

HORST KANT

 

Nulearer Winter – Einwirkungen eines massierten Kernwaffeneinsatzes auf das Klimasystem      199

KARL-HEINZ BERNHARDT

 

Initiativen der DDR zum Verbot von Massenvernichtungswaffen – heute noch aktuell       215

WALTER KRUTSCH, HUBERT THIELICKE

 

Kernwaffen in negativer Entropie            225

HEINZ ENGELSTÄDTER

 

Militarismus und Antimilitarismus des Atomzeitalters            239

WOLFGANG SCHELER

 

Beiträge des jungen Klaus Fuchs zur statistischen Physik 1935–1942          247

WERNER EBELING

 

Nukleare Abrüstung und die friedliche Nutzung der Kernenergie – wie dachte und wirkte Klaus Fuchs   251

GÜNTER FLACH

 

Zur Verantwortung der Wissenschaftler für eine gesellschaftlich effektive und effiziente Energiewende  261

LUTZ-GÜNTHER FLEISCHER

 

Berlin-Bucher Beiträge zur Schaffung einer von Biowaffen freien Welt        271

ERHARD GEISSLER

 

Appell aus Berlin                     283

 

 

 

Vorwort

KLAUS FUCHS-KITTOWSKI, GÜNTER FLACH

Am 29. Dezember 2011 jährte sich zum 100. Mal der Geburtstag von Klaus Fuchs, einer außerordentlichen Persönlichkeit. Ihm verdankt die Wissenschaft nicht nur bedeutende Ergebnisse auf vielen Gebieten der theoretischen Physik, er nahm auch beträchtlichen Einfluß auf den Verlauf der politischen Verhältnisse im beginnenden Atomzeitalter. Die Leibnizsozietät der Wissenschaften zu Berlin veranstaltete zum Gedenken an Klaus Fuchs unter der Mitwirkung der Deutschen Kybernetischen Gesellschaft am 25. und 26. November im Haus der Russischen Wissenschaft und Kultur zu Berlin eine Konferenz unter dem Titel:

Vom atomaren Patt zu einer von Atomwaffen freien Welt – Zum Gedenken an Klaus Fuchs

Die große Beteiligung – immerhin 23 Beiträge, darunter die einer Vielzahl international bekannter Wissenschaftler, vor einem Auditorium von über 100 Teilnehmern – belegt die zunehmende Bedeutung des Themas aber auch die herausragende Rolle von Klaus Fuchs in diesem Zusammenhang. In drei Problemkomplexen – Historische Analysen, Sicherung des Friedens und Nutzung der Kernenergie – wurde sowohl eine umfassende Würdigung von Klaus Fuchs als auch der immer zwingendere Ruf nach einer vollständigen atomaren Abrüstung herausgearbeitet.

Klaus Fuchs verfolgte von Anfang an die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft um die Kontrolle der Kernforschung, insbesondere die dann einsetzende Monopolisierung der Kenntnisse über den Bau von Atom-und Wasserstoffbomben mit all ihren Gefahren für den Weltfrieden. Neben seiner Tätigkeit als leitender Wissenschaftler einer großen Gruppe theoretischer Physiker engagierte sich Klaus Fuchs in der DDR im umfassenden Sinn für die nukleare Abrüstung und den Weltfrieden.

 

Erstes Menschenrecht: ein sinnvolles Leben in Frieden

Der hohe Anspruch, der mit dem Begriff Menschen-und Bürgerrechte verbunden ist, wurde erst vor dem Hintergrund des Endes des Zweiten Weltkrieges konkretisiert. Mit der ‚Deklaration der Menschenrechte‘, bekannte sich die internationale Staatengemeinschaft zum Prinzip der vorstaatlichen Rechte des Bürgers und somit zumindest indirekt zu einer übernational gültigen Rechtsordnung. Fast alle Staaten der Erde haben heute Verfassungen, die in der einen oder anderen Form auf die Menschenrechte Bezug nehmen.

Ächtung der Atombombe auf der ersten Sitzung der UNO

Unter dem erschütternden Eindruck des Abwurfes der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki fasste die UNO auf ihrer ersten Sitzung am 24.1.1946 einen Beschluss zur Bildung einer Atomenergiekommission. Diese Kommission sollte bestimmte Vorschläge zum Umgang mit dem Wissen über die Atomenergie und die Anwendung bzw. das Verbot von Kernwaffen machen:

Für alle Nationen umfassenden Austausch grundlegender wissenschaftlicher Informationen zu friedlichen Zwecken.

Für eine Kontrolle der Atomenergie, wie sie erforderlich ist, um ihren ausschließlichen Gebrauch für friedliche Zwecke sicherzustellen.

Für die Herausnahme der Atomwaffen und aller anderen Massenvernichtungsmittel aus dem Rüstungsprogramm der einzelnen Nationen.

Für eine wirksame Sicherung der vertragstreuen Staaten –  durch Inspektion und andere Mittel – vor der Gefahr der Verletzung und Umgehung des Abkommens1.

Für das Thema unserer Konferenz ist besonders auf Punkt 3 zu verweisen. Mit der Herausnahme der Atomwaffen und aller anderen Massenvernichtungsmittel aus den Rüstungsprogrammen, stellte die UNO offensichtlich vom Anbeginn ihrer Existenz die Forderung nach einer von Atomwaffen und allen anderen Massenvernichtungswaffen freien Welt. In der Sytemauseinandersetzung der Nachkriegszeit wurde diese Forderung aber weit in den Hintergrund gedrängt. Zunächst wurde im März 1946 der Acheson-Lilienthal-Bericht durch den Außenminister der USA veröffentlicht, der sich zum Problem der Kontrolle äußern sollte. Dieser Bericht, wie Klaus Fuchs und G. Flach feststellen, „schließt sich in seinen prinzipiellen Aussagen an die Grundaspekte des Frank-Berichtes an, d.h. er setzt voraus, dass das Monopol der Atomenergie nicht einem Staat zufallen kann."2 In einem Memorandum vom 3. Juli 1944 an Präsident F.D. Roosevelt hatte der berühmte dänische Physiker Niels Bohr auf die Gefahr verwiesen, dass nach der Kapitulation Deutschlands aufgrund der unterschiedlichen sozialen und ökonomischen Probleme zwischen den in der Antihitlerkoalition vereinten Nationen Konflikte entstehen können und er beschwor Roosevelt, frühzeitig eine Initiative zu ergreifen, mit dem Ziel, „der Verhinderung eines verhängnisvollen Wettlaufs um diese gewaltige Waffe und dadurch jeden Grund für Misstrauen zu beseitigen zwischen den Mächten, von deren harmonischer Zusammenarbeit das Schicksal kommender Generationen abhängen wird"3. Dieses grundlegende Anliegen von Niels Bohr scheiterte am entschiedenen Widerstand von Winston Churchill auf der Konferenz in Quebeck. Die Zuspitzung der Konfrontation im Kalten Krieg zeigt, wie viel Weisheit in der Voraussicht lag, dass Konflikte zwischen Staaten mit unterschiedlicher sozialen und ökonomischen Ordnung zu einer tödlichen Gefahr für das Überleben der Menschheit werden, wenn versucht werden sollte, diese mit Gewalt zu lösen.

Winston Churchill hat die Gegenstrategie in seiner Rede am 5. März 1946 in Fulton formuliert. Dort hieß es: „Kein Mensch in irgendeinem Lande hat schlechter geschlafen, weil das Geheimnis der Atombombe in der Hauptsache in den Händen der Amerikaner geblieben ist. Ich glaube nicht, dass wir alle so gut geschlafen hätten, wenn es umgekehrt gewesen wäre und irgendein kommunistischer oder neofaschistischer Staat dieses gefährliche Geheimnis monopolisiert hätte. Nach Gottes Willen sollte dies nicht so sein, und wir haben zumindest eine Atempause, ehe wir dieser Bedrohung entgegentreten müssen, und wenn wir keine Anstrengung scheuen, so dürfen wir selbst in diesem Falle noch eine so überwältigende Überlegenheit besitzen, dass wir eine wirksame Abschreckung gegen die Verwendung oder die Androhung der Verwendung durch andere ausüben können..."4.

Ein Jahr nach der Rede von W. Churchill sprach Präsident Truman zu diesem Thema: Die Grundlagen des internationalen Friedens und folglich die Sicherheit der Vereinigten Staate würden unterminiert, wenn die Freiheit durch ‚totalitäre Regime‘ bedroht werde. Einige Tage zuvor, hatte er in einer anderen Rede verdeutlicht, dass die Freiheit allem anderen überzuordnen ist. Er führte aus: „Es gibt eine Sache, die von den Amerikanern sogar höher bewertet wird als der Frieden. Das ist die Freiheit. Glaubensfreiheit – Redefreiheit – unternehmerische Freiheit. Es muss etwas daran sein, dass die beiden ersten dieser Freiheiten mit der dritten verwandt sind, denn in der Geschichte werden die Glaubensfreiheit und die Redefreiheit am häufigsten in jenen Gesellschaften genossen, die privaten Unternehmungen ein beträchtliches Maß an Freiheiten gewähren ..."5.

Es könnte durchaus sein, dass Barack Obama seine Worte in der Rede in Prag bewusst so wählte, dass er indirekt an die Rede von Truman erinnert, um zugleich auf ihre Einseitigkeit zu verweisen und sich davon zu distanzieren. Er formuliert: „Wir traten im 20. Jahrhundert für die Freiheit ein. Jetzt müssen wir zusammen eintreten für das Recht aller Menschen und überall, frei und ohne Furcht im 21. Jahrhundert zu leben!"6

 

Die Frieden sichernde Wirkung des atomaren Gleichgewichts im Kalten Krieg und ihre Grenzen

Mit der Zündung der Atombombe am 29. August 1949 in der Steppe von Kasachstan stellte die Sowjetunion, wesentlich früher als von den Experten in den USA angenommen, das ‚atomare Gleichgewicht‘, oder auch ‚atomares Patt‘ genannt, zwischen den beiden Großmächten des 20. Jahrhunderts her. Es ist heute eine weithin akzeptierte These, dass dieses atomare Gleichgewicht entscheidend dazu beitrug, dass der ‚Kalte Krieg‘ nicht zu einem atomaren Inferno, zu einen 3. Weltkrieg führte.

Diese Sicherung des Weltfriedens, bei unzähligen lokalen Kriegen, beruhte auf der gegenseitigen Abschreckung. Die auf diese Weise den Frieden erhaltende Wirkung des atomaren Gleichgewichts, war also ein Gleichgewicht des Schreckens. Es konnte und kann auf Dauer nicht die Lösung sein! Letztlich kann die Lösung nur in einer von Atomwaffen freien Welt gesehen werden. Dies hat Barack Obama mit seiner Vision von einer Welt ohne Atomwaffen, im Juli 2008 an der Berliner Siegessäule, der Weltöffentlichkeit sehr deutlich vor Augen geführt. Seit seiner Rede am 5. April 2009 in Prag, in der er sich erneut für eine atomwaffenfreien Welt und den Satz formulierte: „Als einzige Atommacht der Welt, die Nuklearwaffen eingesetzt hat, haben die USA eine moralische Pflicht, zu handeln"7 ist wieder Bewegung in das Thema der nuklearen Abrüstung gekommen.

Es ist seither einiges geschehen. Die USA haben eine neue, defensivere Nukleardoktrin beschlossen, Russland und die USA haben in Prag, am 8.4.2010, ein neues START-Abkommen zur Abrüstung ihrer strategischen atomaren Waffen unterzeichnet. Diese Einigung der ehemaligen Gegnermächte im Kalten Krieg gilt als ein historischer Schritt. Die Überprüfungskommission des Nichtverbreitungsvertrages konnte sich auf eine generelle Abschlussdokumentation und einen umfassenden Aktionsplan einigen.

Aber wie lang der Weg zu einer von Atomwaffen freien Welt noch ist, welche großen Hindernisse dabei noch zu überwinden sind, darf keinesfalls unterschätzt werden!8 Man kann und muss sich nun die Frage stellen, warum es dennoch nicht mit der atomaren Abrüstung wirklich vorangeht!

Erst kürzlich kam die Meldung, wie ein Schlag ins Gesicht und wider alle diese Einsichten, dass das US-Ministerium die Alt-Atomwaffen modernisieren will. In der Mitteilung im SPIEGEL heißt es: „Der Haushaltsentwurf des amerikanischen Energieministeriums enthält eine faustdicke Überraschung. Für die Jahre 2012–2015 wurden fast zwei Milliarden US-Dollar beantragt, mit denen die Modernisierung der Atombomben des Typs B61 vorangetrieben werden soll. Waffen diesen Typs lagern auch in Europa, unter anderem im Eifeldorf Büchel beim Jagdbombergeschwader 33 der Bundeswehr"9. Man brauchte jetzt nicht mehr lange auf die Nachricht warten, dass Russlands Präsident Dimitrij Medwedjew auch die Modernisierung der Atomwaffen ab dem Jahr 2011, u.a mit dem Hinweis auf die Erweiterungspläne der Nato, ankündigt.

Die existentielle Bedrohung der Menschheit durch die Nuklearwaffen bleibt jedoch solange akut, wie diese Waffen existieren. Das Gleichgewicht des Schreckens hat uns, wie allgemein anerkannt wird, über viele Jahrzehnte den Weltfrieden gesichert. Doch dann brachen die Sowjetunion und die anderen sozialistischen Länder nicht zuletzt aufgrund der nicht mehr tragbaren Rüstungslasten zusammen. Hierin liegt sicher auch eine Tragik für Klaus Fuchs, denn er vertrat immer die Auffassung, dass die Politik der Abschreckung grundfalsch ist, dass man vom atomaren Gleichgewicht ausgehend, zu einem Stop des wahnsinnigen Rüstungswettlaufs und zu einer generellen Abrüstung kommen müsse, wolle man das Überleben der Menschheit wirklich sichern. Ohne dieses Gleichgewicht des Schreckens wäre die Atombombe möglicherweise in Korea und/oder in Vietnam eingesetzt worden.

Wenn Klaus Fuchs auch wohl nicht unbedingt der erste war, der die Notwendigkeit der Brechung des amerikanischen Atombombenmonopols sah, so hat er doch als einer der ersten entscheidende Konsequenzen aus dieser Erkenntnis gezogen. Er hatte aber schon zuvor in England von sich aus die Verbindung mit dem sowjetischen Geheimdienst aufgenommen. Diese Entscheidung war getragen von seinem Antifaschismus, denn er wusste über die Kriegspläne und den Stand der (auch atomaren) Rüstung in Deutschland genauer Bescheid und sah, wie der Nachfolger von J. Robert Oppenheimer, als Direktor in Los Alamos, Norris Brandbury, zu Recht hervorhob, dass die Sowjetunion die Hauptlast des Krieges trug und von den Alliierten nicht genug unterstützt wurde.

 

Das Recht auf Freiheit und auf Frieden

Dem ersten Menschenrecht auf Frieden ist das Recht der Freiheit weder über noch untergeordnet. Freiheit ist eine zentrale Kategorie im politischen Raum. Wer Freiheit für sich reklamiert, stellt sich, über seine individuelle Selbstverwirklichung hinausgehend, in die Gesellschaft, in das Für-, Mit-und Gegeneinander der Menschen.

Wie Klaus Fuchs zeigt, erschöpft sich der Begriff der Freiheit nicht in der Einsicht in die Notwendigkeit, wenn unter Notwendigkeit die äußeren Bedingungen verstanden werden, welche der Mensch verstehen muss, um sie entsprechend seinen Wünschen umzuformen. Diese Einsicht kann ihm die Mittel für die Erfüllung seines Strebens, aber nicht das Ziel seines Strebens geben. Nur die Einsicht in die innere Notwendigkeit als Mensch gibt ihm das Ziel, für eine menschenwürdige Gesellschaft zu kämfen10.

Wie kann das Überleben der Menschheit gesichert werden angesichts der ständig gegebenen und im Kalten Krieg immer weiter wachsenden Gefahr eines Krieges mit Atomwaffen? Dies war die Grundfrage, mit der sich Klaus Fuchs immer wieder und speziell seit Beginn seiner Arbeit im Zentralinstitut für Kernforschung in Rossendorf beschäftigte.

Karl Jaspers, der bedeutende Philosoph, hatte schon 1957 eine kleine Schrift ‚Die Atombombe und die Zukunft des Menschen‘ vorgelegt. Er stellte tatsächlich die Frage: „Ist schon vor einem Weltfriedenszustand und vor einer gegenseitigen Kontrolle der Atomenergieproduktion auf die Atombombe bedingungslos zu verzichten? Kann der Sinn der Entscheidung Einsteins, der in der Bedrohung der Welt durch den Hitlerschen Totalitarismus zur Herstellung der Atombombe riet, wiederkehren? Kann, was damals im Grundsätzlichen noch ahnungslos geschah, in neuer, bewusster Gestalt zur Entscheidung kommen?"11

Jaspers fragte: „Gibt es keine Situation, in der Menschen sich aus einem Willen, der weder aus einem politisch konstruktiven Sinn zu rechtfertigen noch moralisch zu begründen ist, zur Atombombe entschließen könnten?"12 D.h.: „Wollen wir auch einseitig, auch ohne Kontrolle die Atombombe an sich verwerfen, weil es sich nicht mehr nur um Krieg, sondern um die Menschheitsvernichtung handelt?"13 Die Frage ist: Anwendung der Atombombe oder Hinnahme des Totalitarismus? Wagnis der Menschheitsvernichtung oder Preisgabe der Freiheit?"14 Nach Jaspers kommt es zur Abwehr des totalen Unheils nur auf uns an. „Vor der Drohung totaler Vernichtung sind wir zur Besinnung auf den Sinn unseres Daseins zurückgewiesen." Für einen Philosophen des Existentialismus, für den es weder religiöse Anforderungen gibt, die das Handeln der Menschen auf eine höhere Ebene erheben könnten, noch soziale Entwicklungsprozesse gibt, die für die Menschen richtungweisend sein könnten, kann es keine andere Orientierung geben. Wie grundsätzlich anders sind dagegen die Wege aus der Situation, die zu einer Katastrophe führen könnten, wie sie von C.F. von Weizsäcker unter Berufung auf christliche Werte und von Klaus Fuchs unter Berufung auf humanistischen Werte des Marxismus gesehen wurden, bis hin zu der letztlich philosophischen Begründung der Abwehr des Unterganges durch die Willensentscheidung des bewusst gewordenen Menschen, für den Menschsein ‚Mensch unter Menschein zu sein‘ bedeutet.

Der ehemalige Botschafter der USA in Moskau, George F. Kennan, hielt 1958 an der Goethe-Universität in Frankfurt a.M. Vorlesungen, deren Veröffentlichung unter dem Titel: ‚Russland, der Westen und die Atomwaffe‘, für weltweites Aufsehen und heftige Diskussionen sorgte, denn er forderte eine schöpferische Politik des Westens gegenüber der Sowjetunion und wandte sich gegen die offizielle Politik der Abschreckung. Er sagte:

„Ich brauche kaum zu sagen, dass ich keinerlei Gründe für eine solche Auffassung sehen kann. Gewiss, die Wasserstoffbombe hat für uns heute einen tragischen Wert als Abschreckungsmittel. Wenn ich das sage, meine ich wahrscheinlich nicht ganz das, was andere Leute damit meinen. Ich war nie der Ansicht, dass die Sowjetregierung seit 1945 irgendwann einen Weltkrieg wollte oder aus irgendeinem politischen Vernunftgrund geneigt war, einen Weltkrieg zu entfesseln, auch wenn die Atombombe überhaupt nicht erfunden worden wäre. Mit anderen Worten, ich glaube nicht, dass es unsere Atombombe war, was die Russen abhielt, Europa im Jahre 1948 oder zu irgendeinem anderen Zeitraum zu überrennen."15

Er fügte hinzu: „In dieser Hinsicht stehe ich im Gegensatz zu manchen bedeutenden Persönlichkeiten"16. Das war eine Untertreibung, denn er stand damit im Gegensatz zur westlichen Politik generell. Diese wurde von ihm aufgefordert, sich der eigentlichen kommunistischen Bedrohung zu stellen, die er als eine grundsätzliche Herausforderung an die westliche Zivilisation verstand.

Vom Union Verlag Berlin wurde mit Genehmigung von Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker dessen Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des westdeutschen Buchhandels 1963: ‚Bedingungen des Friedens‘17 in der DDR gedruckt. Klaus Fuchs wurde vom Leipziger Kulturbund eingeladen, über diese Schrift von C. F. von Weizsäcker zu referieren und zu diskutieren. Es war einer seiner ersten, wenn nicht der erste öffentliche Auftritt in der DDR. Klaus Fuchs hob die drei Grundthesen von C. F. von Weizsäcker hervor:

• Der Weltfrieden ist notwendig.

• Der Weltfrieden ist nicht das goldene Zeitalter.

• Der Weltfrieden erfordert von uns eine außerordentliche moralische Anstrengung.

Klaus Fuchs erinnerte zunächst daran, dass C. F. von Weizsäcker zu den Unterzeichnern der Erklärung der 18 Atomwissenschaftler vom 12. April 1957 gehörte18.

Er erwähnte natürlich auch, dass sein verehrter Lehrer Max Born sowie Werner Heisenberg, Max von Laue u. a. zu den Mitunterzeichnern gehören und verwies dann auf die besondere politische Bedeutung dieses Appells, bei dem es um nichts weniger ging als darum, die atomare Aufrüstung der Bundeswehr und ihre Einbeziehung in ein entsprechendes Rüstungsprogramm der NATO zu verhindern.

Schon in der ‚Göttinger Erklärung der 18‘, wie auch in den Erläuterungen von
C. F. von Weizsäcker wurde klar gemacht, dass das Denken in derartigen Alternativen verfehlt sei und nur in die atomare Katastrophe führen könne. Wichtig schien C.F. von Weizsäcker, „dass wir uns frei halten von dem Entweder-oder-Denken, das meint, es gäbe nur entweder die Kapitulation vor der Tyrannis oder die große atomare Rüstung. Ich glaube doch, dass alle Menschen auf der Welt heute dumpf oder deutlich fühlen, dass die großen Waffen begonnen haben, sich selbst zu widerlegen."
19

Es wurde deutlich, dass die Unterzeichner sich an einer solchen Rüstung persönlich nicht beteiligen würden, und sie rieten dringend, dass ein kleines Land wie Deutschland sich da heraushalten sollte. Es sollte sich heraushalten, weil es dies als kleines Land könnte und weil, um überhaupt mit dem Gedanken der Abrüstung voranzukommen, es das im Interesse des Überlebens unbedingt machen sollte. In der Rede: ‚Bedingungen des Friedens‘ ging v. Weizsäcker bei seinen Überlegungen zur Notwendigkeit des Weltfriedens noch weiter. Er schrieb: „Der Weltfrieden ist notwendig. Man darf fast sagen: Der Weltfrieden ist unvermeidlich. Er ist Lebensbedingung des technischen Zeitalters".20 Daraus folgte, dass in der Tat der Weltfrieden nicht das goldene Zeitalter ist. Daraus folgte der in Gegenüberstellung zu den Ausführungen von K. Jaspers entscheidende Gedanke: „Der Weg zu ihm könnte ein letzter Weltkrieg oder blutiger Umsturz, seine Gestalt könnte der einer unentrinnbaren Diktatur sein. Trotzdem ist er notwendig".21 Er ist notwendig, weil es letztlich um die weitere Existenz der Menschheit geht, die nicht aufs Spiel gesetzt werden darf. „Der Weltfrieden fordert von uns eine außerordentliche moralische Anstrengung, denn wir müssen überhaupt eine Ethik des Lebens in der technischen Welt entwickeln".22 Und weiter: „Heute schon allen sichtbar geht die Notwendigkeit des Friedens aus der Entwicklung der Waffentechnik hervor... Als Erkenntnis ist die Möglichkeit der modernen Waffe nicht mehr auszurotten; in diesem Sinne müssen wir für alle vorhersehbare Zukunft mit der Bombe leben. Trotzdem kann ein manifester Akt der Verweigerung der Teilnahme an ihr seinen Sinn haben.... Deshalb ist der bewusst gewollte, geplante und herbeigeführte Weltfrieden Lebensbedingung des technischen Zeitalters."22 Zustimmend entwickelte Klaus Fuchs nun seine These, dass der Weltfrieden in der Tat oberstes Gebot sei.

 

Klaus Fuchs fordert – ein Leben in Frieden ist das erste Menschenrecht23

Klaus Fuchs verdeutlicht immer wieder, dass ein Leben in Frieden das erste Menschenrecht ist. Die Friedenssicherung hat für ihn Vorrang vor allem anderen, weil mit der atomaren Rüstung, mit einem damit immer wahrscheinlicher werdenden Atomkrieg, die Menschheit als Ganzes vernichtet wird.

Natürlich hatte sein Wort als einer, der selbst an der Entwicklung dieser Waffen beteiligt war, Gewicht. Und er stand mit dieser Auffassung in der DDR und in der Welt nicht allein. Es war die Grundhaltung der sich international entwickelnden Friedensbewegung. Sie hatte, was entscheidend wurde, in den Jahren zuvor auch großen Einfluss auf das Denken im Militär des sozialistischen Lagers gewonnen. Es ist wichtig zu erkennen, dass, wenn es die vielen kleinen Schritte der Verständigung und diese Erstarkung der Friedensbewegung zuvor nicht gegeben hätte, ein Mann, wie Gorbatschow, nicht erster Sekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion geworden wäre. Ohne seine Haltung wiederum hätte sich ein neues militärisches Denken nicht durchsetzen, der ‚Lernprozess für das Überleben der menschlichen Gattung‘24 nicht vollziehen können. Zugleich trug die Wende Gorbatschows bereits alle Anzeichen des beginnenden Kollapses der Sowjetunion angesichts der Überrüstung, ein Zustand, der möglicherweise nun auch die USA angesichts ihrer ungeheuren Staatsverschukldung ereilen kann. Die Notwendigkeit einer veränderten Militärstrategie wurde aber auch schon früh in der DDR z.B. von Militärs an der Militärakademie der DDR erkannt und öffentlich z.B. auf dem 1989 organisierten Kühlungsborner Kolloquium zu philosophischen und ethischen Problemen der Biowissenschaften, zum Thema: ‚Natürliche Evolution von Lernstrategien‘ vom Kapitän zur See Prof. Dr. Wolfgang Scheler öffentlich vertreten. Die Tatsache, dass dies zu dieser Zeit in der DDR bereits ausgesprochen wurde, hat natürlich besondere Bedeutung, aber auch eine lange Vorgeschichte.

Der Gedanke reicht zurück auf Albert Einstein. Er formulierte bereits 1946: „In evolutionären Entwicklungen muss sich eine Spezies oft um ihres Fortbestandes willen neuen Lebensbedingungen anpassen. Heute hat die Atombombe das Wesen der uns bekannten Welt verändert, und die menschliche Rasse findet sich daher völlig neuen Lebensbedingungen gegenüber, denen sie ihr Denken anpassen muss."25

Es ist hervorzuheben, dass diese mahnenden Worte für lange Zeit keinen Eingang im politischen und militärischen Denken fanden. Sie verhallten, ohne das gesellschaftliche Bewusstsein wesentlich zu beeinflussen. Es muss deutlich gesagt werden, dass der Kalte Krieg, die im Rahmen des atomaren Gleichgewichts betriebene Konfrontationspolitik deutlich zeigen, dass über Jahrzehnte in den alten Kategorien weiter gedacht wurde. Wie W. Scheler sagt: „Die Politik konnte sich nicht aus der in Jahrhunderten gefestigten Denkweise lösen, dass die militärische Macht die mächtigste aller Mächte sei. Erst nach beinahe vier Jahrzehnten, als sich die Merkmale des nuklearen Zeitalters unübersehbar und gefahrdrohend in der Wirklichkeit entfaltet hatten, kam es zum Umbruch im politischen und militärischen Denken. Der auslösende Faktor dafür war die Einsicht in das radikal veränderte Wesen des Krieges."26

 

Der Wandel des Krieges – Die Gewinnung des Friedens – weiterhin durch Abschreckung?

Seit dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers, also der Veränderung des Kräfteverhältnisses auf der Welt, und seit dem 11. September und der darauf folgenden Proklamation des Kampfes gegen den Terrorismus fand nicht nur in den USA eine veränderte Einstellung zum Kriege statt, der von Herfrid Münkler27 detailliert beschrieben wird. Eine der entscheidenden Schlussfolgerungen aus dem Wandel des Krieges von Symmetrie zur Asymmetrie sei die logische Konsequenz, dass die Asymmetrie mit allen Mittel aufrechterhalten werden müsse. Aufrechterhaltung der Asymmetrie mit allen Mitteln bedeutete dann natürlich auch weitere atomare Rüstung, entsprechende Nutzung des Weltraums und wenn erforderlich auch Nutzung der Überlegenheit zum Präventivschlag im Namen eines ‚gerechten Krieges‘.

Diese Sicht ist ein Rückfall gegenüber den Schlussfolgerungen, die zuvor aus dem Wandel des Krieges durch die atomare Rüstung gezogen wurden. Wir wären damit in keiner Weise in einer friedlicheren Welt als zur Zeit des atomaren Gleichgewichts zwischen den Supermächten, des Gleichgewichts des Schreckens während des Kalten Krieges, also noch einer Form des klassischen Krieges zwischen Staaten. Hier konnte man unter Berufung auf das Konzept des atomaren Gleichgewichts noch davon ausgehen, dass auf der Grundlage gleicher Rationalitätskriterien der Einsatz oder Nichteinsatz der atomaren Waffen abgewogen werde und damit das Prinzip der Abschreckung seinen relativen Sinn behielt.

Bei der symmetrischen Konfrontation, die für das Kriegsgeschehen in Europa lange Zeit charakteristisch war, standen sich mehr oder weniger gleiche Gegner gegenüber, die sich auch als militärisch gleichwertig anerkannten. Dies bestimmte die Strategie der Kriegsführung sowie das Kriegsrecht (Das Prinzip der Reziprozität). Jetzt haben wir es mit einer waffentechnologischen Überlegenheit, insbesondere der USA, zu tun, die bereits in den 80er Jahren neue Formen der Kriegsführung, auch Erstschlags-und Enthauptungsstrategien (Victory is possible) entwickelten. Bei relativer Beibehaltung der Abschreckungsstrategie ist unsere Welt somit noch unsicherer geworden!

Es muss daher gelingen, auf der Grundlage der Analyse eines Wandels, die Möglichkeit und Notwendigkeit der Schaffung einer von Atomwaffen freien Welt zu begründen.

Der These von Klaus Fuchs ‚Frieden ist das erste und damit auch am höchsten zu bewertende Menschenrecht‘ folgend, muss auch auf die Konzeption vom gerechten Krieg verzichtet werden. Die Erhaltung des Friedens ist damit auch vorrangig vor der Lösung der sozialen Fragen.

„Es gibt soziale Ungerechtigkeiten, die gilt es zu lösen, aber heute auch ohne Krieg, da sich sonst die Menschheit selbst vernichten wird", schreibt Herbert Hörz in einer seiner jüngsten Arbeiten zur Frage: ‚Sind Kriege gesetzmäßig?‘28

Will die Menscheit überleben, müssen alle Konflikte auf dem Verhandlungswege gelöst werden. Der Krieg muss als Mittel der Fortsetzung der Politik verschwinden. Diese Forderung wird angesichts des beschriebenen Wandels des Krieges nur noch dringlicher.

Die These ‚Frieden ist oberstes Menschenrecht und steht über der Lösung der sozialen Frage‘ bezieht sich auch gegen die gegenüber den sozialistischen Ländern immer wieder gemachte Unterstellung, wonach die Weltrevolution und der Export von Revolution notfalls mit äußerer Gewalt angestrebt worden sei. Diese Unterstellung hat sich mit dem Ende des sozialistischen Lagers ohnehin erledigt.

Heute muss stattdessen die Frage der gegenwärtig weithin vertretenen Konzeption vom ‚demokratischen Frieden‘ und demokratischen oder ‚humanitären Krieg‘ gestellt werden. Die These, die auch in dem Buch von Herfried Münkler vertreten wird, heißt: Es hat seit dem 2. Weltkrieg keine großen Kriege zwischen den demokratischen Staaten gegeben.

Demokratie sichert Frieden, die Demokratien dürfen aber gegen die nichtdemokratischen Staaten Krieg führen.

Dieser Strategie, wonach Friedenssicherung unter den entwickelten Industrieländern einerseits und Kriegsbegründung gegen andere Staaten andererseits, von denen man nur mehr Demokratie fordern muss, um gegen sie unter dem Vorwand der ‚responsibilty to protect human rights‘ in den Krieg zu ziehen, ist entschieden zu widersprechen. Ethnische, humanitäre, menschenrechtliche und religiöse Konflikte überdecken die wesentlichste Ursache aller Kriege: die Ökonomie.

Die ökonomischen Wurzeln des Krieges dürfen nicht verschleiert werden, Profitgier ist und bleibt eine der wesentlichen Ursachen von Kriegen. Aber auch unter solchen Verhältnissen ist der Krieg nicht zwangläufig (vergl. H. Hörz29).

Aus dem Missbrauch der Kernenergie in einem Kriege erwächst die katastrophale Gefahr der vollständigen Vernichtung der Menschheit. Daher war und ist die Verhinderung eines nuklearen Infernos oberstes Gebot. Daher wurden schon zur Zeit des kalten Krieges die Entspannung und die Verhinderung der Weiterverbreitung (Proliferation) von Kernwaffen eine unaufschiebbare Aufgabe. Hier wurde schon damals einiges erreicht. Auch heute ist man mit Hilfe der internationalen Kontrollbehörde selektiv darum bemüht, die Weiterverbreitung von Nuklearwaffen zu verhindern. Es gilt also in der Tat, jeder Form der Unterminierung des Non-Proliferation Treaty, NPT) entgegenzutreten.

Klaus Fuchs schreibt schon am 5.1.1975 dazu: „Ich unterschätze nicht, dass in der Frage des NPT die Assoziation von Kernenergie und Gefahr in Verbindung mit der realen Angst vor dem Terrorismus begreifliche Verwirrung stiften kann."30

Es gilt nach wie vor, den Grundgedanken des Memorandum von Niels Bohr, welches er zur Vorbereitung seines Gesprächs mit Franklin Roosevelt erarbeitet hatte, zu realisieren – eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen und eine völlig neuartiges Herangehen an die Probleme der internationalen Beziehungen einzuleiten. Wie in seinem Memorandum an Roosevelt stehen diese Gedanken auch in seinem ‚open letter‘an die UNO.31 Darin heißt es, dass im Atomzeitalter „eine radikale Anpassung der internationalen Beziehungen unerlässlich ist, wenn die Zivilisation überleben soll."32

Von diesem Geist getragen war auch der Appell gegen das atomare Wettrüsten der in Caputh, im Sommerhaus von Einstein, von führenden Wissenschaftlern der Akademie der Wissenschaften der DDR erarbeitet und veröffentlicht wurde.

Die in der DDR durch den Friedensrat, durch die kirchliche Friedensbewegung aber auch durch die offiziellen Vertretener der Politik entwickelte Friedenshaltung in breiten Kreisen der Bevölkerung, ist bisher kaum entsprechend gewürdigt worden. Obwohl klar sein sollte, dass es für eine friedliche Revolution Friedfertigkeit beider Seiten bedarf.

Aber auch in dem wachsenden Widerstand der Wissenschaftler z.B. in der Pugwash-Bewegung, in der Bewegung Ärzte gegen den Atomtod (IPPNW), in der gegenwärtigen Bewegung in den USA gegen die Modernisierung der Atomwaffen, aber auch in den verstärkten Bemühungen der UNO um die Einhaltung des Non-Proliferation Treaty, NPT, der Schaffung Atomwaffen freier Zonen, die verstärkten Bemühungen zum Nachweis von Wegen zu einer von Atomwaffen freien Welt zeigen, dass sich immer mehr Menschen auch in der Politik, der Stimme der Vernunft Gehör schenken, dass also das Memorandum von Niels Bohr und seine Argumente doch Nachwirkungen zeigen. Verantwortung mit dem Mut zur Zukunft bedeutete für Klaus Fuchs als oberstes Gebot, dass die Menschheit sich nicht vernichten darf, dass das Menschenrecht auf ein friedliches Leben, das höchste Menschenrecht ist. Vorrang hat die Sicherung des Weltfriedens, darin besteht zu allererst die soziale Aufgabe – Entspannungspolitik und umfassender Abrüstung.

Es wäre sehr zu wünschen, dass die heute Verantwortlichen sich an solche Maßstäbe der Verantwortung mit dem Mut zur Zukunft erinnern und sie praktizieren würden. Dann würden sie wahrscheinlich zu der Erkenntnis kommen, dass die Weiterverbreitung von Atomwaffen nicht durch Verbote allein gestoppt werden kann, sondern nur durch umfassende Abrüstung aller Staaten. Gerade hier liegt heute unsere historische Verantwortung und der Sinn einer Konferenz über die Verantwortung der Wissenschaft zum Gedenken an Klaus Fuchs.

Zum 40. Jahrestagtag des Abwurfs der Bombe auf Hiroschima rief uns Klaus Fuchs eindringlich dazu auf:

„Am 6. August 1945 verwandelte eine einzige amerikanische Bombe Hiroschima in ein Meer von Flammen und Trümmer und vernichtete 100.000 Menschenleben. Alljährlich erneuert die Erinnerung die Anklage gegen diesen Einsatz der Atombombe und macht den 6. August zum Tag des Zorns gegen die Anhäufung von Massenvernichtungswaffen, zum Tag des Kampfes gegen die wachsende Bedrohung der Menschheit. Mit der atomaren Apokalypse und zum Tag der Mahnung: Hört auf die Wissenschaftler, hört auf Niels Bohr, auf Albert Einstein, auf Igor Kurtschatow und auf Joliot Curie, die die Gefahren mit denen die Kernwaffen die Menschheit bedrohen, klar und deutlich erklärt haben. Hört auf die Ärzte der Welt, die einmütig und eindringlich feststellen: gegenüber Verwüstung und Zerstörung, mit der moderne Kernwaffen die Menschen heimsuchen, sind wir machtlos. Beugt vor, ehe es zu spät ist!"33

Die Konferenz beendete ihre Tätigkeit mit der Annahme einer Resolution zur Abschaffung aller Kernwaffen.

 

ENDNOTEN

1 Patrick M.S. Blacket, Militärische und politische Folgen der Atomenergie, Berlin 1949, S. 150

2 Klaus Fuchs, Günter Flach, Das erste Menschenrecht: ein sinnvolles Leben in Frieden, in: Hiroshima und Nagasaki – Verpflichtung zum Frieden, Informationen des DDR-Komitees für wissenschaftliche Fragen der Sicherung des Friedens und der Abrüstung, Heft 3, 1985, S. 8

3 Rozental (ed.): Niels Bohr – His Life and Work. North-Holland, Amsterdam, 1967, S. 342–343

4 W. la Feber, The origin of the Cold war 1941–147, New York, 1971, S. 394–397.

5 ebenda

6 Die Prager Rede von US-Präsident Barack Obama am 5. April 2009. http://www.welt.de/politik/article3507024/Die-Prager-Rede-von-US-Praesident-Barack-Obama.htmll

7 Barack Obama, , Eine Welt ohne Atomwaffen ist möglich, Rede am 5. April 2009 in Prag, zitiert nach Pedigree DataSix, http://www.süddeutsche.de/politik/derus-präsidentinPrag-obama-einewelt-ohne-[?]

8 Siehe hierzu den Aufsatz „Vereinte Nationen – Die UN und nukleare Abrüstung". In: Vereinte Nationen. Zeitschrift für die Vereinten Nationen und ihre Sonderorganisationen, Nomos 4 /2010. [S. ?]

9 Otfried Nassauer, Bomben in Europa, US-Ministerium will Alt-Bomben modernisieren, Spiegel online, 15. März, 2010

10 Klaus Fuchs, Moderne Physik und marxistisch-leninistische Philosophie. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Sonderheft 1965, S. 5. 67–68 (S. 34).

11 Karl Jaspers, Die Atombombe und die Zukunft des Menschen, R. Piper & Co Verlag, München, 1957, S. 22.

12 ebenda.

13 ebenda S. 22–23.

14 ebenda.

15 George F. Kennan, Russland, der Westen und die Atomwaffe, Ullstein Taschenbücher-Verlag, Frankfurt M, 1958, S. 69.

16 ebenda

17 Carl Friedrich von Weizsäcker, Bedingungen des Friedens. Mit einem Beitrag von Georg Picht, Union Verlag Berlin, 1964.

18 Erklärung der 18 Atomwissenschaftler vom 12. April 1957. In: C. F. von Weizsäcker, Die Verantwortung der Wissenschaft im Atomzeitalter, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1957, S. 50-52.

19 C. F. von Weizsäcker, Die Verantwortung der Wissenschaft im Atomzeitalter, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1957, S. 49.

20 Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker, Bedingungen des Friedens, Union Verlag Berlin (zweite Auflage), 1965 S. 10

21 ebenda S. 10-11

22 ebenda S. 12

23 Klaus Fuchs, Günter Flach, Das erste Menschenrecht: ein sinnvolles Leben in Frieden, in: Hiroshima und Nagasaki – Verpflichtung zum Frieden, Informationen des DDR-Komitees für wissenschaftliche Fragen der Sicherung des Friedens und der Abrüstung, 3/1985, S. 2–18.

24 Wolfgang Scheler, Militärisches Denken im Lernprozess für das Überleben der Gattung, in: Erhard Geißler, Günter Tembrock (Hrsg.): Natürliche Evolution von Lernstrategien, Akademie Verlag, Berlin, 1991, S. 247–263.

25 Albert Einstein, Über den Frieden, Bern 1975, S. 393

26 Wolfgang Scheler, Militärisches Denken im Lernprozess für das Überleben der Gattung, in: Erhard Geißler, Günter Tembrock (Hrsg.): Natürliche Evolution von Lernstrategien, Akademie Verlag, Berlin, 1991, S. 248.

27 Herfried Münkler, Der Wandel des Krieges – Von der Symmetrie zur Asymmetrie, Velbrück Wissenschaft, Weilerswist, 2010.

28 Herbert Hörz, Sind Kriege Gesetzmäßig? Standpunkte, Hoffnungen, Handlungsorientierungen. Berlin, 2010.

29 ebenda

30 Klaus Fuchs, Die Bedeutung der Kenenergie für den wachsenden Energiebedarf der Menschheit. In: Internationales Institut für den Frieden (Hrsg.), Kernenergie für den Frieden, Wien

31 Niels Bohr, Open Letter to the United Nation, In: Niels Bohr. His Life and Work. Ed. S. Rozental. Amsterdam, North Holland Publishing Co. 1967.

32 ebenda, S. 340

33 Klaus Fuchs, 40 Jahre Hiroshima, in: Standpunkt, Evangelische Monatsschrift, 13. Jg. Heft 7, 1985, S. 173.