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trafo verlag 2000, [= Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft, Bd. 13], 230 S., geb., ISBN 3-89626-177-0, 13,80 EUR
[Teil 1 des Tagebuches der Wendezeit erschien unter dem Titel: "Es kam ein langer lichter Herbst"]
Das vorliegende Tagebuch Elviera Thiedemanns vom Januar 1991 bis Dezember
1993 dokumentiert den Weg der Autorin in die Bundesrepublik. Wir haben
es in die Reihe "Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft" aufgenommen,
weil es den individuellen Weg einer in der DDR sozialisierten ostdeutschen
Frau in das andersartige Gesellschaftssystem dokumentiert, das sie aus
der Sicht einer kritischen, seine Defizite wie seine Vorzüge wahrnehmenden
und diese am gescheiterten “Realsozialismus” messenden Betrachterin kommentiert.
Ihren Weg schildert sie nicht nur als Verlust ihrer gesicherten Existenz
und Kampf um neue Lebensmöglichkeiten, sondern auch als eine von ihr
freudig angenommene Herausforderung.
Die Autorin, Jahrgang 1951, gehört zu dem Teil der DDR-BürgerInnen
der zur Zeit der Wende mittleren Generation, die, oft aus sozialistisch
oder kommunistisch orientierten Familien stammend, die NS-Vergangenheit
strikt ablehnten und vor diesem Hintergrund das Staatswesen und politische
System der DDR grundsätzlich akzeptierten, zugleich aber seine Fehlentwicklungen
oft kritisch reflektierten, ohne zu Systemgegnern zu werden.
Die Darstellung ihrer Versuche, die neuen Freiräume nach der Wende
aktiv zu nutzen und nicht auf der Opferseite der eskalierenden Ausdifferenzierung
der Gesellschaft zu landen, gehen einher mit einem hohen Maß an Verallgemeinerung
ihrer Situation. Elviera Thiedemann ist ein zutiefst politischer Mensch.
Ihre Interessen sind nicht auf die Sicherung ihrer und ihrer Familie materiellen
Existenz oder auf ihre persönliche Selbstverwirklichung beschränkt.
Wie sie schreibt, treiben sie auch die “grundlegenden Umstrukturierungen
in allen gesellschaftlichen Bereichen der neuen Bundesländer” um,
erschüttern sie “die Auswechslung oder auch Ausschaltung ostdeutscher
Eliten”, empören sie die “zunehmende öffentliche Verfälschung
von DDR-Geschichte” die “Diskriminierung ‘staatsnaher’ Bevölkerungsgruppen”,
die “Strategien zur Entwertung ostdeutscher Biographien”, die “Willkür
getroffener Maßnahmen ..., die nur ein Ziel haben, die neue Entmündigung
eines ganzen Staatsvolkes”. Sie leidet “unter der schmerzlichen persönlichen
Erfahrung, daß ... für die Mehrzahl der Ostdeutschen kaum Chancen
bestehen, jemals einen ebenbürtigen Platz an der gesamtdeutschen Tafel
einzunehmen”.
Zu den in ihren Tagebucheintragungen behandelten Themen gehören
u. a. Kindererziehung und Volksbildung in Ost- und Westdeutschland, Renten
und “Strafrenten”, die Abtreibungsdebatte, die Nachkriegsgeschichte der
beiden deutschen Staaten und das herrschende bundesrepublikanische Bild
der deutschen Geschichte, vor allem aus der Zeit nach der Wende, Arbeitslosigkeit,
Nostalgie, Machtfragen Ihre Auseinandersetzung mit diesen und anderen Problemen
wird fast immer durch arrogant und ignorant abwertende Pauschalurteile
in den Medien, bei Vorträgen, aber auch von individuellen GesprächspartnerInnen
provoziert. So wehrt sie sich gegen “den demütigenden Umgang mit uns
Ostlehrern – durch Ostkollegen, die inzwischen zu willigen Gehilfen der
neuen Schulbürokratie aufgestiegen sind.” (74). Zu den wichtigen Erkenntnissen,
die Elviera Thiedemann vermittelt, gehört, daß nicht alle Menschen
in der Bundesrepublik den materiellen und sozialen Anschluß finden
werden und daher soziale Gleichheit heute auf anderem, höheren Niveau
erkämpft werden müsse (96). Die Autorin bejaht die Frage, ob
vom DDR-Schulwesen “einige der Grundideen lebendig” (98) bleiben werden.
Sie könnten vielmehr sogar in neuen konzeptionellen Zusammenhängen
ihr eigentliches Leben beginnen. Als “neue” Bundesbürgerin bemerkt
Frau Thiedemann Defizite, an die sich “AltbundesbürgerInnen” so gewöhnt
haben, daß sie ihnen nicht mehr auffallen. Sie beklagt, daß
das “‘normale’ Bildungswesen beschämend wenig für die Schüler
leistet, so daß diese scharenweise Nachhilfeunterricht nehmen müssen.
... Die Bedingungen werden immer miserabler, und das Berufsethos bleibt
dabei fast auf der Strecke. Was haben wir uns früher für die
Schüler einfallen lassen - unentgeltlich!”. (176) Dem Vorwurf, das
DDR-Schulwesen wäre durch “Formen der Gleichmacherei von Bildungsmöglichkeiten
der ... Einheitsschule” geprägt gewesen, denen gegenüber die
“gleichen Bildungschancen in einer pluralistischen Gesellschaft” vorzuziehen
seien, begegnet sie mit der Feststellung, es sei ein Trugschluß,
daß “die Mehrgliedrigkeit von Schulsystemen in erster Linie von Individualentwicklung
ausgeht”, daß solche Systeme die traditionelle Standesschule fortschreiben,
daß “fortschrittliche Pädagogen in den alten Bundesländern
ihre Stimme immer wieder gegen dieses Schulsystem erhoben” haben und es
in vielen europäischen Ländern ebenfalls eine Einheitsschule
gibt (115). Elviera Thiedemann wehrt sich gegen den Vorwurf der “DDR-Nostalgie”.
Ihrer Meinung nach sieht die Mehrzahl der DDR-BürgrInnen “die DDR
kritisch, können sich aber in der Regel nicht mit gegenwärtig
vorgegebenen Pauschalverurteilungen anfreunden”. Sie wünschen sich
“einen differenzierten Umgang mit der DDR-Vergangenheit” (161). Sie nimmt
an einer Sitzung der Enquetekommission teil, in der es “um staats- und
herrschaftssichernde Strukturen in der DDR [ging], die ‘aufgearbeitet’
werden sollten” und auf der westdeutsche Wissenschaftler und ehemalige
Politbüromitglieder zu Wort kamen. Die Autorin verließ die Veranstaltung
vorzeitig, weil ihr “der Rest jeglicher Illusion genommen” worden war,
“daß in dieser Enquetekommission wirklich jemand daran interessiert
ist, das politische und gesellschaftliche Leben in unserem untergegangenen
Staat zu verstehen und die spezifischen Biographien der Menschen zu achten.
Was dort stattfand war ein Tribunal des Siegers über die Besiegten”
(180f).
Die Autorin war eine engagierte, den SchülerInnen zugetane und
auch unter den meisten KollegInnen beliebte Lehrerin. Wie die meisten ostdeutschen
Frauen bewältigt sie neben ihrer Berufstätigkeit ihre Familienarbeit;
sie ist eine penible Hausfrau, hat ein kollegiales und offenes Verhältnis
zu ihren vier heranwachsenden Kindern. Die unbefriedigende Ehe und ihre
Liebesbeziehung zu einem verheirateten Mann werden mit großer Offenheit
geschildert., wobei sie ihren Ehemann trotz wachsender Entfremdung nicht
preisgibt sondern die Ursache des Scheiterns der Beziehung zu ergründen
versucht. Die Liebesbeziehung ist für sie nicht nur eine Bereicherung
sondern auch immer wieder ein Anlaß zu Verunsicherung und Selbstzweifel.
Als “staatsnahe” Lehrerin ist sie nach der Wende zunehmend Schikanen
und Diskriminierung ausgesetzt und schließlich genötigt, den
Arbeitsplatz aufzugeben.
Elviera Thiedemann zog nach ihrem Ausscheiden aus dem Schuldienst 1992
aus ihrer erzgebirgischen Heimat nach Berlin und arbeitete zunächst
als wissenschaftliche Mitarbeiterin eines Forschungsprojekts des Kautsky-Bernstein-Kreises
e.V. Mangelnde finanzielle Unterstützung für dieses Projekt führte
dazu, daß sie sich bald nach anderen Existenzmöglichkeiten umsehen
mußte. Sie war u. a. freiberuflich als Dozentin an Volkshochschulen,
als Mitautorin neuer Schulbücher und als Verfasserin von Belletristik,
Lyrik und Kurzprosa tätig. Bekannt wurde sie vor allem durch ihr Wendetagebuch1.
Sie befaßt sich mit fotografischen und bildkünstlerischen Arbeiten,
hat in verschiedenen Bundesländern und in den Niederlanden ausgestellt
und Lesungen aus ihrem literarischen Schaffen veranstaltet. Ihren kargen
Lebensunterhalt verdient sie heute im Rahmen einer AB-Maßnahme mit
Hilfsarbeiten für ein wissenschaftliches Projekt.
Mit dem Titel des vorliegenden Buches persifliert die Autorin das Ost-West-Verhältnis.
Die westdeutschen Herren beherrschen die störrischen, dummen und für
eine Mohrrübe jedem “Eselstreiber” folgenden ostdeutschen Esel (und
Eselinnen). Ihre Herrschaft ist “eleganter”, d. h. subtiler, unangreifbarer
und weniger transparent als die ihrer zu Recht verjagten Vorgänger-Herrschaft,
Vereinnahmung ist sie allemal. Aus den Aufzeichnungen, die die Autorin
aus heutiger Sicht wo notwendig mit Anmerkungen versehen hat, erhellt,
daß die Beherrschten erkenntnis- und lernfähig sind und ihnen
ihre unter dem vorausgegangenen System erlernte Kritikfähigkeit der
Obrigkeit gegenüber auch heute zu Gute kommt.
Der vorliegende Band soll das gegenseitige Kennenlernen der immer noch
im Geiste geteilten ost- und westdeutschen Bevölkerung befördern.
Er zeigt auch, daß es Bewahrenswertes in der Sozialisation der Ostdeutschen
gibt, das einen Beitrag zum Auffinden der “verlorenen Zukunft” leisten
kann.
Hanna Behrend
Berlin, im Januar 2000