[Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft, Bd. 6], trafo verlag 1999, 232 S., ISBN 3-89626-134-7, EUR 16,80
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In der Reihe “Auf der Suche nach der verlorenen
Zukunft” nehmen nun bereits seit drei Jahren ost- und westdeutsche AkademikerInnen
das Wort zu den Fragen unserer Zeit. Im hier anzukündigenden Band
untersucht Dr. Roland W. Schindler, Münster, die politische Theorie
der politischen Theoretikerin Hannah Arendt, deren bedeutsames Werk oft
mißverstanden, banalisiert, abgelehnt aber auch glorifiziert wurde.
In der in die Theorie Hannah Arendts einführenden
Studie werden einige Aspekte neu bedacht: ihre frühen Arbeiten über
die jüdische Politik oder ihre Vorstellungen über die Institutionalisierung
des Politischen. Das zentrale Anliegen ist der Nachweis der Aktualität
dieses Werkes für die soziologische und politologische Diskussion
unserer Tage. Der Autor verortet es in der Krise der humanistischen Rationalität,
die zur Hybris der Weltbeherrschung um den Preis der Weltzerstörung
gesteigert worden ist. Die scheinbare Alternativlosigkeit des kapitalistischen
Globalisierungskäfigs kann den aktuellen Reformstau moderner Gesellschaften
nicht übertünchen. Das Denken Hannah Arendts dagegen bietet eine
fragmentarische Karte auf dem Weg ins 21. Jahrhundert an.
Roland W. Schindler geht nach einer Einführung
über Arendts Methodik von der Biographie der in einem Frauenhaushalt
zu Selbständigkeit und mutigem Handeln erzogenen jungen Frau aus,
die von 1924-1929 u. a. bei Heidegger und Jaspers studierte und die sich
in dieser Zeit zunehmend der Gefahr bewußt wurde, die von der NS-Bewegung
ausging. 1933 zur Emigration gezwungen, gelangte sie nach Frankreich und
nach dessen Besetzung durch die deutsche Wehrmacht aus einem französischen
Internierungslager nach denn USA, wo sie sich als Publizistin und Universitätsprofessorin
einen Namen machte. Der Autor geht auf das von Hannah Arendt im Exil entwickelte
Verständnis ihrer Identität als Jüdin und ihre Beziehungen
zum Judentum ein. Dazu gehören ihre sozialpädagogischen Erfahrungen
mit jüdischen Jugendlichen, die sich auf die Auswanderung nach Israel
vorbereiten, aber auch ihre Diskussionen mit Karl Jaspers und Kurt Blumenfeld
darüber, was es heißt, Deutsche oder Jüdin zu sein.
Arendts Freundschaft mit Walter Benjamin in Paris
unterstützt das Reifen ihrer Kritik des modernen Fortschritts- und
des Arbeitsbegriffs sowie des historistischen Geschichtsbegriffs. Ihre
Arbeiten über jüdische Politik enthüllen zudem erste Ansätze
einer neuen Politiktheorie, die später in ihrer Studie “Über
die Revolution” fruchtbar werden.
Im Kapitel III zeigt der Autor, wie Arendt aus
ihrer Kritik des Zionismus ihre Auffassungen des Antisemitismus entwickelt,
die sie dann in eines ihrer bedeutendsten Werke, “Elemente und Ursprünge
totaler Herrschaft” einflicht, und die auch später für das Verständnis
ihrem umstrittenen Bericht über den Eichmann-Prozeß gewichtig
sind. Ihre Vorschläge für die Verständigung von Juden und
Arabern sind für den aktuellen Friedensprozeß im Nahen Osten
von Interesse.
Schindler weist auf Arendts Studie über
Rahel Varnhagen, in der sie, wie auch in “Elemente und Ursprünge,
auf den unvollendeten Charakter der Moderne verweist, in der das Versprechen
der Aufklärung auf eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gestaltung
der Welt inkompatibel ist mit der anhaltenden Diskriminierung von Minderheiten
(sozialen Gruppen), insbesondere den Juden. Die Krise des Humanismus berührt
auch die republikanische Frage der Menschenrechte. Die Blockierung des
Rechtsanspruchs darauf, ein “Mitbürger” oder eine “Mitbürgerin”
zu sein, die Verweigerung eines “Minimums menschlicher Existenz” ist ein
entscheidendes Thema in Arendts Kritik am 20. Jahrhundert.
Als negativer Gipfel der modernen Geschichte
steht in Arendts Werk der Totalitarismus, den sie als einen “Bruch der
Tradition” begreift, als den Zusammenbruch der traditionellen Strukturen
der Moralität, deren Ideen von Freiheit und Gerechtigkeit sich in
den politischen Institutionen zum Teil niederschlugen.
Schon in “Elemente und Ursprünge” unterstreicht
Arendt die Globalisierungsprozesse in der Moderne, die sie in “Vita activa”
mit Blick auf die modernen Naturwissenschaften
weiter auslotet.
Vergesellschaftete Menschheit ist das negative
Bild der Moderne, die den einzelnen einbindet in die Prinzipien der Arbeitsgesellschaft,
die diametral zu den Prinzipien der Tradition stehen und ihn eindimensional
auf den Konsum fixiert. Die Krise des Humanismus dokumentieren die anhaltende
Umweltzerstörung und der Albtraum einer Arbeitsgesellschaft ohne Arbeit.
In den Kapiteln IV-VII analysiert Schindler Arendts
Überlegungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Er hebt ihre Betrachtungen
über Deutschland nach 1945 hervor, geht auf die Verdrängung des
NS-Geschehens, die Restauration der politischen Institutionen eines Nationalstaates,
die Reintegration der nazistischen Bürokraten in den Staatsapparat
der Bundesrepublik ein. Kritik an den Neuen Linken erörtert sie in
ihrem Aufsatz “Macht und Gewalt” und in ihrem Briefwechsel mit Karl Jaspers.
Aufmerksamkeit findet auch die bisher wenig untersuchte
Studie “Die ungarische Revolution und der totalitäre Imperialismus”,
in der Arendt prophetisch erklärt, eine Strukturänderung in den
realsozialistischen Staaten könnte so “unerwartet und katastrophal
eintreten ... wie der Ausbruch der Ungarischen Revolution” und er verweist
darauf, daß die Politik Gorbatschovs und deren Folgen dies bestätigen.
Schindler behandelt auch die Überlegungen Arendts über die Revolution
und die Chancen der Institutionenbildung politischer Freiheit als Ausweg
aus der Krise der Moderne. Neben der Geschichte des Totalitarismus forciert
die Erfindung der Atombombe Arendts Forderung nach einer neuen Politik.
Inhaltsverzeichnis
Editorial 9
Vorwort 11
Einleitung 13
1. Persönliche Integrität angesichts
der Shoah 33
1.1 Zivilisationsbruch – die Fabrikation
der Leichen 35
1.2 Persönliche Integrität
und der Prozeß des Verstehens 37
1.3 Das Faßbare und das Unfaßbare
43
1.4 Das Narrativ der “wirklichen Geschichte”
50
1.5 Literarische Quellen des Verstehens
51 1.6 Geschichte erzählen statt Geschichte reproduzieren 52
1.7 Parteinahme für die Welt 55
2. Nachdenken über jüdische Identität
im Schatten des Nationalsozialismus 57
2.1 Das historische Element von Arendts
Verständigung über die jüdische Identität 61
2.2 Das politische Element von Arendts
Nachdenkens über die jüdische Identität 78
2.3 Flaschenpost für die Zukunft 86
3. Die Krise des Humanismus 91
4. Der Mahlstrom der Moderne 119
4.1 Der Ort totaler Herrschaft in der Moderne
123
4.2 Die Moderne und die Wissenschaften
156
4.3. Die moderne Gesellschaft in der Globalisierung
161
5. Revolutionen und Zwischenzeiten 163
5.1 Das Ende des Totalitarismus und die
Ungarische Revolution 164
5.2 Zwei Geschichten einer Revolution –
Amerika und Frankreich 171
5.3 Die Moderne als Zwischenzeit 186
6. Hannah Arendts Handlungstheorie 189
6.1 Vom tätigen Leben: Arbeiten und
Herstellen 190
6.2 Handeln: Die Anwesenheit der anderen
und die Rolle des Anfangs 196
6.3 Hannah Arendts Institutionalismus 203
7. Ethik im Kontext der Globalisierung
221
7.1 Philosophie und Politik 221
7.2 Autonomie und Humanität 233
Nachwort 239